Sich gut fühlen

Ein junger Psychologieprofessor hatte vor kurzem seinen ersten Ruf an eine Universität erhalten. Nachdem er sich einen ersten überblick über sein Aufgabenfeld, die Rahmenbedingungen seiner Tätigkeit und die Universität als solche verschafft hatte, fing er an, sich mit Begeisterung, Engagement und überschwang einem Forschungsgebiet zu widmen: Er machte es sich zur Aufgabe, herauszufinden, wann Menschen sich gut und zufrieden fühlen und wann nicht.

Mit einer Gruppe von Assistenten und studentischen Hilfskräften fing er an, einen umfangreichen Fragebogen zu konzipieren, der alle Faktoren dieser komplexen Fragestellung beleuchten sollte. Der fertige Fragebogen wurde schließlich in einigen Vortests geprüft und als ebenso brauchbar wie nützlich befunden. Dann schwärmten seine Studenten und Assistenten aus, um Menschen der verschiedensten Schichten und Lebensumstände, Altersstufen und Interessen zu befragen.

Nach einigen Jahren war eine unglaubliche Vielzahl an Daten zusammengetragen worden. Diese wurden nun in einen Computer gespeist, und nach Jahren waren komplexe Ergebnisse gewonnnen, die wiederum Jahre benötigten, um ausgewertet und verstanden zu werden. Mehrere Diplom- und Doktorarbeiten wurden im Laufe dieses Prozesses dazu geschrieben und ebenso viele schlaue Artikel für Fachzeitschriften und populäre Magazine. Die meisten der Artikel waren von dem ehemals jungen Psychologieprofessor verfasst worden, der inzwischen ergraut und bejahrt war, doch sich nichtsdestotrotz immer noch mit Feuereifer der Ergründung seiner Fragestellung widmete.

Offenbar waren die Faktoren, die beeinflussten, ob Menschen sich gut oder nicht gut fühlten, äußerst vielfältig: Eine Gruppe von Menschen schien sich nur dann gut zu fühlen, wenn ihr Körper gesund war. Bereits bei einem Anflug von Krankheit begann ihr persönliches Wohlfühlbarometer vehement zu sinken. Andere fühlten sich so lange gut, wie es ihren Kindern vortrefflich ging – wobei die Kriterien, wann jemand das Gefühl hatte, dass es seinem Kind vortrefflich oder nicht vortrefflich ging, nebenbei bemerkt, sehr unterschiedlich waren. Andere hingegen empfanden als zwingende Voraussetzung dafür, sich gut zu fühlen, genug Geld zu haben. Was genau „genug” war, war natürlich vom Einzelfall abhängig. Wiederum andere hatten das Gefühl, dass es ihnen nur dann gut ging, wenn sie in sich selbst hineinhorchten und alles in ihrem Inneren sich stimmig anfühlte: kein Zweifel, kein Bohren, kein Druck, sondern ein innerer wolkenloser Sommerhimmel. Eine weitere Gruppe fühlte sich dann gut, wenn in ihrer Beziehung alles in Ordnung war – wobei „alles” auch wieder für die verschiedensten Menschen die unterschiedlichsten Bedeutungen zu haben pflegte.

Bei jeder einzelnen Gruppe für sich betrachtet schien der Professor sein Forschungsziel erreicht zu haben. Doch was war der allgemeine Faktor? Was konnte es sein, das alle Menschen zufrieden machte? Wie könnten alle Menschen lernen, sich gut zu fühlen? Denn wenn der eine für sein Glück Gesundheit brauchte und der andere nicht, der eine Geld und der andere nicht, dann bedeutete das letztlich doch nur, dass wir uns alle selbst Abhängigkeiten schufen. Erst wenn der jeweilige Punkt erfüllt war, ließen wir zu, uns gut zu fühlen!

Mit dieser Frage beschäftigt, trat der Professor seinen Urlaub an. Er fuhr in ein mal sonniges, mal stürmisches Land, in dem es sowohl weite Ebenen als auch steile Kluften, leise Stillen und laute Töne gab, in dem es manchmal lieblich duftete, aber auch beißend riechen konnte – je nachdem wo man sich gerade aufhielt.

Nachdem er sich einige Tage eingelebt hatte, schloss er sich für einen Tag einer Reisegruppe an, die ein bekanntes Ausflugsziel erkunden wollte.

Das Programm war interessant und vielfältig, und auf der Rückfahrt kam er zufrieden und etwas schläfrig mit seinem Sitznachbarn im Bus ins Gespräch. Sie erzählten sich gegenseitig von ihren Tätigkeiten, und der Professor schloss:

„Jetzt will ich nur noch – fast am Ende meiner Laufbahn – herausfinden, was dieser eine Faktor ist, der alle Menschen zufrieden machen könnte und bewirken, dass alle sich gut fühlen.”

„Und das ist Ihnen so wichtig?” lachte der andere.

„Ja, wenn ich das wüsste, würde ich mich wirklich gut fühlen.”

„Lassen Sie mich mal nachdenken, vielleicht kann ich Ihnen helfen”, meinte daraufhin der andere. „Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir hier nebeneinander sitzen. Oft findet man die Antworten auf die wesentlichen Fragen einfach so im Vorübergehen, nachdem man sie zuvor lange vergeblich gesucht hatte. Schon vor Jahren ist mir das Folgende bewusst geworden: mir wurde klar, dass es mir einfach deshalb gut geht, weil ich da bin. Allein dadurch, dass ich existiere, kann ich all diese wundervollen Erfahrungen machen, kann ich vieles ausprobieren und erleben, das Geschenk des Lebens nutzen. Ich lebe, und deshalb geht es mir gut.”

„Doch Sie könnten sterben!”

„Natürlich, das könnte ich. Doch ich glaube, dass ein Teil von mir, die Seele, oder wie immer Sie das nennen wollen, immer weiter leben und neue interessante Erfahrungen machen wird, so interessant, dass ich sie mir gar nicht ausmalen kann”, schloss er mit leuchtenden Augen.

„Doch woher wissen Sie, dass es eine Seele gibt?”

„Wissen tue ich es nicht, doch daran zu glauben tut mir gut. Woher wissen denn die Leute in Ihrer Untersuchung, dass es ihnen wirklich gut gehen würde, wenn sie mehr Geld hätten? Sie tun einfach so, als ob es so wäre. Und falls sich meine Hypothese als falsch erweisen sollte, habe ich trotzdem gewonnen, ich fühle mich gut in diesem Leben – und ist das etwa nichts? Außerdem ist diese Voraussetzung – Leben an sich – etwas, das jedem zur Verfügung steht, egal ob reich oder arm, groß oder klein, jung oder alt, schön oder hässlich. Jeder verfügt über diese Quelle, darin sind wir alle gleich. Alle, die wir hier sind, wir alle leben! Ist das etwa nichts?” wiederholte er.

„Doch, das ist sehr viel”, erwiderte der Professor nachdenklich. „Und was wäre, wenn Sie krank würden?”

„Oh, dann würde ich wieder interessante Dinge erleben, könnte herausfinden, wie ich wieder gesund werden kann; fühlen, wie es ist, krank zu sein. Sehen, wie sich dadurch mein Leben und meine Kontakte verändern. Das wäre sicher aufschlussreich.”

„Und was wäre, wenn Sie Ihre Arbeit verlören?”

„Dann hätte ich eine tolle Gelegenheit, etwas anderes zu machen.”

„Ja, sagen Sie mal, macht Ihnen denn gar nichts etwas aus!” rief der Professor, inzwischen nahezu empört.

„Manchmal schon”, räumte der Sitznachbar ein, „doch dann mache ich mir klar, dass das alles nur wenige unruhige Wellen auf dem Spiegel des Sees sind. Ich lasse die Wellen zur Ruhe kommen, und dann sehe ich wieder auf den Grund des Sees, weiß, dass ich lebe und dass dies das Wesentliche ist: Ich bin. Weiß, dass all das gerade Erlebte bemerkenswert und aufregend ist – und dann werde ich neugierig, wie es weiter geht, was ich mit der Situation machen werde. So packe ich es an oder lasse es geschehen, je nachdem.”

„Dann kann man sich mit Ihnen aber auch gar nicht streiten … das wirkt so abgeklärt, was Sie da von sich geben.”

„Das mag sein, doch ich verspreche Ihnen, auch ich ärgere mich und freue mich, bin begeistert und auch mal traurig – doch ich weiß, dass das alles zur Fülle des Lebens gehört, und wenn es mir zuviel wird, kehre ich auf den Grunde meines Sees zurück. Der Unterschied ist, ich lasse mich manchmal von all dem” – er machte eine weit ausholende Handbewegung – „gefangen nehmen, doch ich entscheide, wann ich mich davon wieder befreien möchte.” Er machte eine Pause. „Und vielleicht ist das ja doch nicht die Antwort auf Ihre Frage, wie es allen Menschen gut gehen kann, sondern nur die Antwort auf die Frage, wie es mir gut geht. Dann entschuldigen Sie, dass ich Ihnen Ihre Zeit geraubt habe.”

„Nein, nein, ist schon gut. Ich danke Ihnen”, erwiderte der Professor nachdenklich.

Den Rest der Rückfahrt schwiegen sie die meiste Zeit, machten sich nur hin und wieder gegenseitig auf einen besonders eindrucksvollen Ausblick oder Anblick aufmerksam.

Zurück in seinem Hotel, legte sich der Professor erschöpft und angezogen, wie er war, auf sein Bett und hatte bald darauf einen intensiven Traum. Er träumte von einer Welt, in der jeder glücklich und dankbar darüber war, dass er lebte, und das Geschenk des Lebens auskostete. Jeder fühlte sich gut, einfach, weil er lebte. Die Welt sah dadurch nicht viel anders aus als jetzt, doch alles war leuchtender und leichter, weil jeder wusste, dass es ihm gut ging. Und das machte einen kaum merkbaren, jedoch wundervollen Unterschied.

Als der Professor erwachte, saß er noch ein Weile versonnen auf seinem Bett. Es ging ihm gut. Er lebte. Ein sonniges Lächeln glitt über sein Gesicht.
von Susanne Spieß