Die Schöpfung

Während ich auf dem Gipfel saß und auf die Landschaft zu meinen Seiten blickte, meinte ich immer schon gewusst zu haben, dass mein Körper lediglich den Kopf eines weitaus größeren Körpers bildete, einer, der aus alldem bestand, was ich imstande war zu sehen. Ich erfuhr das gesamte Universum, wie es durch meine Augen auf sich selbst sah.
Dieses Empfinden löste etwas in meiner Erinnerung aus. Meine Gedanken rasten in die Zeit meiner Ankunft in Peru zurück, vorbei an meiner Kindheit und meiner Geburt. Ich realisierte, dass mein jetziges Leben nicht mit meiner Empfängnis oder meiner Geburt auf diesem Planeten begonnen hatte. Es hatte viel früher begonnen, mit der Entstehung meines wirklichen Körpers, des Universums selbst.
Die Evolutionswissenschaften hatten mich immer gelangweilt, doch als meine Gedanken jetzt in der Zeit zurückrasten, kam alles, was ich zu dem Thema je gelesen hatte, wieder an die Oberfläche, unter anderem einige Unterhaltungen, die ich mit meinem Freund, der Reneau so ähnlich sah, geführt hatte. Jetzt erinnerte ich mich, was sein Interessengebiet gewesen war: Evolution.
Mein gesamtes Wissen schien mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen. Mit einem Mal war es mir möglich, mich zu erinnern, was passiert war, und ich war in der Lage, die Schöpfung in einem neuen Licht zu sehen.
Ich sah zu, wie die erste Materie ins All explodierte, und mir wurde klar, dass nichts an der Materie von Dauer sein konnte, ganz wie die Dritte Erkenntnis es beschrieben hatte. Materie war demnach nur eine Form der Energie, die auf einer bestimmten Frequenz vibrierte und dies zu Beginn der Schöpfung in ihrer primitivsten Form getan hatte: als Hydrogen. Aus mehr bestand unser Universum nicht, nur Hydrogen, einfacher Wasserstoff.
Ich war jetzt in der Lage zu verfolgen, wie die Wasserstoffatome sich gegenseitig anzogen, als sei es das Grundprinzip, der unbändige Drang dieser Energie, sich in einer komplexeren Form zu manifestieren. Und als einige Gruppen dieser Atome eine ausreichende Dichte erreicht hatten, begannen sie sich zu erhitzen und zu verbrennen, sie wurden zu Sternen, und innerhalb dieses Verbrennungsprozesses fusionierten die Atome und erreichten gemeinsam die nächst höhere Stufe der Schwingung, ein Element, das uns als Helium bekannt ist.
Während ich zusah, wie die ersten Sterne älter wurden und schließlich selbst dafür sorgten, dass sie im All explodierten und den verbliebenen Wasserstoff und das neu entstandene Helium ins Universum spuckten, begann der ganze Vorgang von neuem. Helium und Wasserstoff zogen sich gegenseitig an, bis die dabei entstehende Hitze groß genug war, um neue Sterne entstehen zu lassen und aus dem verschmolzenen Helium das Element Lithium geschaffen wurde, ein Element, dessen Atome wiederum auf einer höheren Stufe vibrierten. Und so fort... Jede nachfolgende Generation von Sternen schuf Materie, die zuvor nicht existiert hatte, bis sich ein breites Spektrum von Materie - die grundlegenden chemischen Elemente – gebildet und überall verteilt hatte. Materie war aus Wasserstoff entstanden, der simpelsten Form vibrierender Energie, und schließlich zu Kohlenstoff geworden, welcher wiederum auf einer extrem hohen Frequenz vibrierte. Damit war die Bühne frei für den nächsten Schritt der Evolution.
Während sich unsere Sonne bildete, spalteten sich Ansammlungen von Materie in die Umlaufbahn ab, und eine dieser Ansammlungen, die Erde, enthielt jedes der neu geschaffenen Elemente, inklusive Kohlenstoff. Und während die Erde sich abkühlte, wanderten Gase, die in der geschmolzenen Masse eingeschlossen worden waren, an die Oberfläche und erzeugten Wasserdampf, bis die große Regenzeit anbrach und sich Ozeane auf der kargen, krustigen Oberfläche bildeten. Als der größte Teil der Erdoberfläche schließlich von Wasser bedeckt war, war der Dunst verschwunden, und eine hell brennende Sonne badete die neue Welt in Licht und Wärme.
In den flachen Becken und Bassins, beeinflusst durch die gigantischen Unwetter, die den Planeten periodisch heimsuchten, erreichte die Materie noch höhere Schwingungen als Kohlenstoff und manifestierte sich auf noch komplexere Weise: Die Aminosäuren waren entstanden. Doch zum ersten Mal waren die Schwingungen nicht in sich stabil. Die neue Materie war konstant darauf angewiesen, andere Materie zu absorbieren, um die eigene Schwingung aufrechterhalten zu können. Sie brauchte Nahrung. Leben, ein neuer Vorstoß der Evolution, war entstanden.
Anfänglich beschränkt auf eine Existenz im Wasser, spaltete das Leben sich in zwei unterschiedliche Formen. Die eine, die wir als Pflanzen kennen, ernährte sich von anorganischer Materie und verwandelte diese Elemente in Nahrung, indem sie Kohlendioxid aus der frühen Atmosphäre zog. Als Nebenprodukt gaben diese Pflanzen zum ersten Mal Sauerstoff in die Welt ab. Das pflanzliche Leben verbreitete sich schnell in den Ozeanen und schließlich auch auf dem Land.
Die andere Form - wir nennen sie Tiere - absorbierte ausschließlich organisches Leben, um ihre Schwingung aufrechtzuerhalten. Ich konnte sehen, wie Tiere die Ozeane im Zeitalter der Fische bevölkerten, und wie sie sich, als die Pflanzen genügend Sauerstoff in die Atmosphäre abgegeben hatten, auf den Weg ans Land machten. Ich sah, wie die Amphibien - halb Fisch, halb neue Lebewesen - zum ersten Mal das Wasser verließen und Lungen benutzten, um die neue Luft zu atmen. Dann machte die Materie einen weiteren Sprung zu den Reptilien, die die Erde zur Zeit der Dinosaurier bevölkerten. Danach tauchten die warmblütigen Säuger auf und bedeckten ihrerseits die Erdoberfläche, und mir wurde deutlich, dass jede neue Spezies das Leben repräsentierte - Materie, wie sie sich zur nächst höheren Schwingungsform vervollkommnte. Dann endete die Entwicklung. Auf ihrem Höhepunkt stand die Menschheit. Die Menschheit. Hier endete die Vision. In einem einzigen Aufblitzen hatte ich die gesamte Evolutionsgeschichte gesehen, die Geschichte der Entstehung von Materie und wie sie sich, als sei sie Teil eines höheren Planes, zu einer fortgeschritteneren Form weiterentwickelt hatte, um schließlich genau jene Bedingungen zu schaffen, die menschliches Leben möglich gemacht hatte..., das Leben jedes einzelnen von uns.
Während ich dort auf dem Berg saß, verstand ich, dass die Evolution sich noch weiter in unserem Leben fortsetzte. Auf irgendeine Weise war die Weiterentwicklung des Menschen mit dem bewussten Erleben bestimmter Fügungen verbunden. Irgendetwas an diesen Fügungen sorgte dafür, dass wir in unserem Leben voranschritten und eine höhere Form der Schwingung erzeugten, welche wiederum die Evolution vorantrieb. Obwohl ich mir Mühe gab, war es mir nicht möglich, diesen Zusammenhang vollends zu verstehen.
aus "Die Prophezeiungen von Celesteine"